Befunderhebungsfehler und Verstoß gegen medizinischen Standard – neue Hoffnung für Patienten

Schmerzensgeld und Schadensersatz aufgrund von Befunderhebungsfehlern und damit neue Hoffnung für durch Behandlungsfehler geschädigte Patienten erkennt der BGH in einem begrüßenswerten Urteil vom 24. 2. 2015 (VI ZR 106/13) zu.
Hier wandte sich die erfolgreiche Revision gegen ein Urteil des LG Bad Kreuznach sowie des OLG Koblenz als Berufungsinstanz. Beide Gerichte hatten in dem Unterlassen der medizinisch indizierten halbjährlichen EKG-Kontrolle bei einem Patienten den Vorwurf eines Befunderhebungsfehlers zu Unrecht abgelehnt.

In der Sache hatte die Mutter die Ärzte ihres durch den Behandlungsfehler verstorbenen Sohnes aus eigenem und übergegangenem Recht wegen fehlerhafter ärztlicher Behandlung auf Ersatz materiellen und immateriellen Schadens in Anspruch genommen.
Dies vor folgendem Hintergrund: der zu seinem Todeszeitpunkt 30-jährige Sohn der Klägerin war aufgrund einer Psychose stationär behandelt worden.
Aus den Entlassungsberichten der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie geht eine bradykarde Herzaktion hervor. Gleichwohl verordnete der den jungen Mann ambulant betreuende Arzt diesem über einen Zeitraum von mehr als 2 Jahren das Medikament Amisulprid 200.
Die rechtsmedizinische Untersuchung nach dem Tod des jungen Mannes ergab einen Amisulpridspiegel am oberen Grenzwert des Wirkbereichs; ferner ein rhythmogenes Herzversagen nach Einnahme von Amisulprid als naheliegende Todesursache.
Im Ergebnis bestätigte der BGH das Vorbringen der Klägerin, wonach angesichts der kardiologischen Nebenwirkungen von Amisulprid und des Umstands, dass bei ihrem Sohn Bradykardien aufgetreten seien, halbjährliche EKG-Untersuchungen medizinisch indiziert und dementsprechend zu veranlassen gewesen seien. In diesem Fall wäre eine Bradykardie sowie ein verlängertes QT-Intervall festgestellt worden, was wiederum ein sofortiges Eingreifen, insbesondere eine Umstellung der Medikation, erfordert hätte.
Weiter bestätigte der BGH entgegen der Auffassung des OLG Koblenz auch, dass das Absehen von halbjährlichen EKG-Untersuchungen im Zeitpunkt der Behandlung dem bestehenden medizinischen Standard zuwiderlief und aus diesem Grund als Behandlungsfehler zu qualifizieren ist.
Denn im vorliegenden Fall hatte die Sachverständige halbjährliche EKG-Kontrollen medizinisch für indiziert erachtet; dies insbesondere aufgrund der Warnhinweise der Hersteller von Solian und Amisulprid-Generika, wonach Amisulprid eine dosisabhängige Verlängerung des QT-Intervalls verursache und wonach dieser Effekt – der das Risiko von schweren ventrikulären Arrhythmien wie Torsades de pointes erhöhe – bei Vorliegen kardialer Störungen, insbesondere Bradykardie, verstärkt werde.
Daneben ergibt sich aus den Leitlinien der DGPPN die Empfehlung, die Durchführung eines EKG in halbjährlichen Abständen bei einer Amisulprid-Medikation. Da bei dem Verstorbenen eine Bradykardie vordokumentiert war, beurteilte es die Sachverständige als fehlerhaft, wenn keine halbjährliche EKG-Kontrolle durchgeführt werde.