Diagnosefehler versus Befunderhebungsfehler

Zwischen Diagnose und Befunderhebung besteht ein enger zeitlicher und inhaltlicher Zusammenhang. Diagnose und Befunderhebung korrelieren sonach, indem die Diagnose naturgemäß der Befunderhebung folgt bzw. Diagnose und Befunderhebung Hand in Hand gehen. Auch kann die Diagnosestellung ihrerseits die weitere Befunderhebung erforderlich machen. Probleme ergeben sich vor allem in den Konstellationen des einfachen Diagnoseirrtums, aufgrund dessen Ihr Arzt Erhebung weiterer Befunde unterlässt.

 

Zunächst  liegt hier ein „einfacher“ Diagnoseirrtum vor.  Und gleichzeitig zwangsläufig auch ein Befunderhebungsfehler, da Ihr Arzt infolge der fehlerhaften Diagnose die weitere Befunderhebung für entbehrlich hält. Indes ist die Frage, ob in derartigen Konstellationen denn nun ein Befunderhebungsfehler oder ein Diagnosefehler vorliegt, für die prozessuale Verteilung der Beweislast sehr wesentlich!

 

Dies vor folgendem Hintergrund: läge „nur“ ein Diagnosefehler vor,  würde dieser im gerichtlichen Verfahren nur dann zu der für den Patienten erstrebenswerte Beweislastumkehr führen, wenn er als grober Diagnosefehler, also als schwerer Diagnosefehler eingestuft werden könnte. Indes wird ein Diagnosefehler nur dann als schwerer (grober) Diagnosefehler eingestuft, wenn die konkret gestellte Diagnose fundamental abwegig und einem Arzt derselben Fachrichtung absolut nicht  mehr nachvollziehbar erscheint.

 

In der Praxis ist indes die Begründung  eines schweren, also unvertretbaren Diagnosefehlers äußerst schwierig.

 

Anders verhielte es sich indes, wenn der konkret zu beurteilende Behandlungsfehler nicht als Diagnosefehler, sondern als Befunderhebungsfehler (aufgrund unterlassener Befunderhebung)eingestuft würde! Denn im Gegensatz zum einfachen Diagnosefehler kann jedoch bereits ein einfacher Befunderhebungsfehler (wegen unterlassener Befunderhebung) die Beweislastumkehr zu Gunsten des Patienten im Prozess auslösen! Mithin ist es für den Patienten für die gerichtliche Auseinandersetzung regelmäßig günstiger, wenn der erlittene Behandlungsfehler als Befunderhebungsfehler anstatt als „bloßer“ einfacher Diagnosefehler eingestuft wird. Hierzu ist sodann ausreichend, dass  der Befunderhebungsfehler als sog. einfacher Befunderhebungsfehler mit Beweislastumkehr gewertet wird.

 

Sonach ist die Abgrenzung des einfachen Befunderhebungsfehlers mit Beweislastumkehr  durch eine unterlassene Befunderhebung vom einfachen Diagnosefehler insbesondere aus Gründen der Beweislastverteilung (Beweislastumkehr zu Gunsten des Patienten) abzugrenzen.

 

Die Abgrenzung dabei wird zumeist danach getroffen, wo im jeweiligen Einzelfall der Schwerpunkt des vorwerfbaren Verhaltens seitens des behandelnden Arztes eigentlich liegt. Argumentativ ist also herauszuarbeiten, ob der Fehler des Arztes bereits bei der Diagnose liegt  oder eben bei der aufgrund der fehlerhaften Diagnose unterbliebenen, an sich aber erforderlichen Erhebung weiterer Befunde!

 

Denn würde man hier bereits den Diagnosefehler bejahen, würde man sich im weiteren Prozessverlauf die Geltendmachung weiterer Behandlungsfehler als (gleichzeitige) Befunderhebungsfehlers „abschneiden“. Insoweit „sperrt“ also die Behauptung eines Diagnosefehlers  die Möglichkeit, im weiteren Prozessverlauf einen (dem Diagnosefehler  eventuell nachfolgenden) Befunderhebungsfehler vorzutragen!