Wahrnehmung von Kontrollterminen für die spätere Ansprüche auf Schadensersatz und Schmerzensgeld wesentlich!

Eine weniger patientenfreundliche Entscheidung traf das OLG Saarbrücken in einem Urteil vom 04.02.2015 (Aktenzeichen 1 U 27/13).
Dieses hatte im Falle eines Patienten, der aufgrund eines akuten Abdomens in die Klinik der Beklagten aufgenommen wurde, eine Beweislastumkehr zugunsten des Patienten versagt, wenn dieser Kontrolltermine nicht wahrnehme und auch dadurch den Heilungsverlauf gefährde.

Im konkreten Fall wurde seitens der Klinik noch am Aufnahmetag des Patienten eine laparoskopische Exploration veranlasst. Dabei wurde in der Bauchhöhle des Patienten eine Peritonitis, also eine Entzündung des Bauchfells festgestellt.
Daher stellte der behandelnde Arzt auf eine mediale Laparotomie um und entfernte operativ die stark entzündete Gallenblase. Hierbei kam es zu einer massiven Blutung einer Leberarterie; auf diese reagierte der behandelnde Arzt mit einer Umstechungsligatur.

Anlässlich einer ERCP-Untersuchung , also einer Röntgenuntersuchung der Gallengänge, Gallenblase und der Bauchspeichel-Drüsengang-Systems mittels Röntgenkontrastmittel und Spezialendoskop war sodann auffallend, dass das Kontrastmittel im mittleren Drittel des Gallenganges abbrach.
Aus diesem Grund führte ein weiterer Arzt der beklagten Klinik eine Revisionsoperation vor, die die Ursache des Choledochussverschluss zeigte. Denn bei der Blutstillung des Ersteingriffs war unbemerkt eine doppelte Umstechung des Hauptgallenganges erfolgt, was zu einer beginnenden Choledochusnekrose führte. Diese indes konnte ausgeschnitten und hierüber eine Drainage gelegt werden.
In der Folgezeit entwickelten sich weitere Komplikationen bei dem Patienten – so eine Gallenfistel sowie einem Wundinfekt. Im Arztbrief wurden bei der Entlassung des Mannes zur Weiterbehandlung eine Re-ERCP mit Entfernung der Choledochus-Prothese sowie klinische Verlaufskontrollen empfohlen, welchen der Mann indes nicht nachkam.

Ein knappes Jahr später kam es zu einem Stentverschluss sowie einer narbigen Hepaticusstenose. Die Uniklinik, die der Patient sodann zur weiteren Behandlung aufsuchte, nahm eine interventionelle Behandlung der Gallenwege mittels Drainage und Yamakawa-Prothese mit regelmäßigem Prothesenwechsel vor.
Nach dem Tod des Mannes begehrte dessen Tochter als Miterbin ihres Vaters Schadensersatz (Erstattung eines Haushaltsführungsschadens, Unterhaltsschäden, Pflege- und Betreuungskosten, Fahrtkosten sowie Krankenbehandlungskosten) sowie Schmerzensgeld und Ersatz sämtlicher künftiger immaterieller Ansprüche aufgrund von zum Nachteil ihres Vaters gegebener Behandlungsfehler.
Dies insbesondere mit den Argumenten, dass die sich im Rahmen der ersten Operation zeigende Komplikation durch abschließende intraoperative Cholangiographie hätte behoben werden können – was dem Mann den der Zweiteingriff erspart hätte. Dabei hätte die schwierige intraoperative Situation durch das sog. Pringle-Manöver , also ein Stoppen der Blutung durch Kompressionsdruck behoben werden können.
In diesem Falle sei sodann die fehlerhafte Umstechung, die zur Verletzung des Gallengangs führte, ebenfalls nicht erfolgt.
Das Landgericht sowie das Oberlandesgericht Saarbrücken haben diese Ansprüche aus Gründen der Beweislast abgewiesen. Denn die Kausalitätsvermutung zwischen eines Behandlungsfehlers und dem eingetretenen Schaden entfalle dann, „wenn der Patient durch sein Verhalten eine selbstständige Komponente für den Heilungserfolg vereitelt und dadurch in gleicher Weise wie der grobe Fehler dazu beigetragen hat, dass der Verlauf des Behandlungsgeschehens nicht mehr aufgeklärt werden kann“, so die Urteilsgründe.
Zwar könne einem Patienten die Nichtbefolgung ärztlicher Anweisungen oder Empfehlungen mit Rücksicht auf den Wissens- und Informationsvorsprung des Arztes gegenüber dem medizinischen Laien nur dann als Obliegenheitsverletzung oder Mitverschulden angelastet werden, wenn er diese Anweisungen oder Empfehlungen auch verstanden hat. Im vorliegenden Fall galt indes als erwiesen, dass der Patient um das dringende Erfordernis entsprechender postoperativer Nachuntersuchungen bewusst war und er sie bewusst – aus verständlicher Angst vor weiteren Unannehmlichkeiten weiterer Behandlungen- abgelehnt hatte.
Diese Weigerungshaltung des Patienten gegenüber den dringend gebotenen Kontrolluntersuchungen verzögerte indes den Behandlungsverlauf erheblich; insbesondere war in der Uniklinik ein knappes Jahr nach der Erstbehandlung eine transduodenale endoskopische Neuplatzierung der Stents nicht mehr möglich – mit der Folge, dass eine perkutane transhepatische Gallenwegsdrainage gelegt werden musste.
Den Ausführungen des gerichtlichen Sachverständigen zufolge haben sonach die unterlassenen Nachkontrollen zu einer Komplettverstopfung des eingesetzten Röhrchens geführt. Und damit aufgrund der durch den eingetretenen Komplettverschluss des Stents hervorgerufenen Sepsis einen erheblichen Anteil an den Folgebeeinträchtigungen. Im Ergebnis habe der Patient für den weiteren Krankheitsverlauf eine eigenständige Ursache gesetzt, indem er die entsprechenden Nachuntersuchungen unterließ. Sonach sei auch die Kausalität der bei der Erstbehandlung geschehenen Behandlungsfehler für den weiteren ungünstigen Krankheitsverlauf nicht mehr nachweisbar – und die Klage damit abzuweisen.
Wesentlich ist, dass diese Grundsätze nicht nur bei einer Beweislastumkehr infolge eines groben Behandlungsfehlers, sondern auch bei einer solchen infolge eines – einfachen oder groben – Befunderhebungsfehlers gelten !